Antonio Salieri (1750 - 1825)                    *** Welturaufführung***

Mainpost, Samstag, 20.06.1998 - Kultur
Kublai, großer Khan der Tataren -
WÜRZBURG · Noch ein paar Kürzungen und aus der alten Oper könnte endlich doch noch ein Publikums-Hit werden. VON RALPH HERINGLEHNER 

"Bravo"-Rufe und Stehende Ovationen im Großen Haus des Würzburger Stadttheaters: Die Uraufführung von Antonio Salieris Oper "Kublai, Großer Khan der Tataren" war eine rundum gelungene Sache und garantiert der Höhepunkt des diesjährigen Mozartfestes. Dem doch etwas festgefahrenen Programm des Festivals tun derartige Experimente gut.  Klar: "Kublai" ist von der musikalischen Substanz her dünner als etwa eine Mozart-Oper. Salieri war eher ein Andrew Lloyd-Webber des 18. Jahrhunderts denn ein Genie, sein Werk braucht also eine einfallsreiche Inszenierung. Gast-Regisseur Ulrich Peters findet den richtigen Weg zwischen Slapstick (der Kampf mit dem großen Sonnenschirm), Blödelei (der alte Torte-ins-Gesicht-Gag) und Ernsthaftigkeit: Das Liebesduett "Ach, warum siehst du mich an" zwischen Timur (Gast Christian Baumgärtel mit hellem, beweglichem Tenor und schmachtenden Blicken) und Alzima ist in der Bewegung der beiden zueinander fein psychologisiert. Der Zuschauer sieht förmlich, daß sich da zwei mögen, die nicht zusammenkommen dürfen, weil Alzima dem dummen Kublai-Sohn Lipi versprochen ist - daß der Khan aus welchen Gründen auch immer vernünftig wird, am Ende Lipi verbannt und das Reich Timur übergibt, ist übrigens schon die ganze Geschichte. 
Peters fängt immer dann, wenn die Stimmung träge dahinzufließen droht, mit einem guten Gag ab, der auch mal nur in einer Geste, einem Blick bestehen kann. Manche Figur darf sich aus dem Typenhaften erheben und Charakter entwickeln. Zeremonienmeister Orcano (Arie "Ich irr mich beim Sehen") wird ansatzweise zur tragischen Figur. Der Spaß, den alle mit ihm treiben - Kublais Art von Humor ist, mit dem Tod zu drohen - schlägt unterschwellig in die Brutalität um, die der arme Kerl wohl empfindet.  Heiko Trinsinger bringt diese Subtilität schauspielerisch sehr gut, wie überhaupt das ganze Ensemble sehr engagiert spielt. Völlig der Lächerlichkeit preisgegeben wird nur Lipi, Kublais Sohn. Eine Bombenrolle für Albrecht Kludszuweit, der mit sichtlichem Spaß auf einem Schaukelpferd reitet, "Täterä" durch einen Trichter tutet (Scena "Marsch, Zucamaluc") und ein Modell der Würzburger Festung in die Luft jagt, daß die Türme fliegen.  
Auch stimmlich sind alle voll auf der Höhe. Diana Damrau erntet tosenden Szenenapplaus - Würzburgs Königin der Nacht hat technisch keine Probleme mit der Alzima-Partie. Das ist wirklich "monstermäßig schön" (Zitat Lipi).  
Petra Labitzke (Memma, Europäerin am Hof des Khans, hat Kublai mit den Waffen einer Frau in der Hand) singt ihre Koloraturen so geläufig und souverän, als ob das gar nichts wäre. Patrick Simper gibt als Bozzone einen wunderbaren, radebrechenden italienischen Macho ("Ich habe fertig"), Bernd Hofmann muß den unsympathischen Intriganten Posega, Minister und Erzieher Lipis, spielen. Schön bedeutungsschwanger seine Cavatina "Niemals den Frauen trauen".  Bemerkenswert ist durchwegs die Gestaltung der Rezitative. Selbst hier kommt Ausdruck durch, ein Zeichen, wie intensiv auch an Details gearbeitet wurde.  Tero Hannula ist anfangs etwas schwer zu verstehen. Das gibt sich aber und der Gast aus Karlsruhe kann in der Folge gefallen.  

(Photo rechts: Petra Labitzke und Patrick Simper)

Dirigent Johan van Slageren und das Philharmonische Orchester Würzburg holen erstaunlich viele Schönheiten aus Salieris Musik. Die Streicher klingen streckenweise geradezu "historisch", der Gesamteindruck ist fein, leicht, manchmal verspielt. Schärfen sind sehr selten. Bemerkenswert, wie Salieri die Holzbläser behandelte - für die damalige Zeit durchaus modern.  
Die Bühne von Christian Floeren, ein stilisiertes Mongolen-Zelt mit echtem Sand-Boden und Kühlschrank, sieht gut aus, ermöglicht flotte Szenenwechsel und turbulentes Spiel. Die witzigen Verse der deutschen Übersetzung von Cornelia Boese (Zitat: "Alzima schert sich nicht die Bohne/um Timur und die Krone") machen einen unbeschwerten Spaß für das Publikum vollständig.  Noch ein paar Striche im ersten Akt - die für die nächste Spielzeit vorgenommen werden sollen - und das jetzt noch drei Stunden lange Werk könnte ein Hit werden. Sogar an anderen Theatern.  
 

 

Über den Komponisten

Antonio Salieri geboren am 18. August 1750 in Lignano; gestorben am 7. Mai 1825 in Wien.
Er war Hofkomponist und -kapellmeister in Wien und wurde fälschlicherweise beschuldigt, W. A. Mozart vergiftet zu haben.
Hauptwerke: ca. 40 Opern, Kirchenmusik, Instrumentalwerke...